Ein Muss für Zugfans: An der Semmeringbahn entlang

Im Schnee hinunter zur Fleischmannbrücke. Foto: Sarah Pallauf

Mein Papa ist ja eigentlich so gar kein „richtiger“ Wandermensch, dafür aber ein sehr begeisterter Zugmensch – für seinen Besuch in Wien erschien mir der Bahnwanderweg an der Semmeringbahn sehr passend. Und er wurde nicht enttäuscht – ich aber auch nicht!

Schon wieder eine Langschläfer:innentour?

Da mein Papa von Oberösterreich anreist, können wir gar nicht vor 10.05 in Wien Meidling starten. Wer mich kennt, weiß, dass ich das nicht so schlimm finde – bin ich doch immer sehr angetan von Langschläfer:innentouren (siehe auch: Meine Superlangschläfer:innentour in Seebenstein). Wir springen mit der vollen Freiheit des Klimatickets (wie oft darf man hier noch sagen, wie großartig ich dieses finde?) in den nächsten Railjet nach Graz. In jenen, der nicht durchzischt, sondern uns planmäßig um 11.13 in Semmering aussteigen lässt. Mein Papa ist tatsächlich zum allerersten Mal hier und staunt über das wuselige Leben am Bahnsteig. Eine Wanderfrau schaut sich die Übersichtskarte im Bahnhofsgebäude an, möchte bis nach Payerbach gehen. Ein anderer Wandersmann fachsimpelt gleich herum und fragt sie: „Wissen Sie eh, wie lange Sie da brauchen werden?“

Wir lassen uns nix dreinreden und ziehen mit der Wanderkarte griffbereit los. Den Kompass, den mein Papa zuhause vergessen hat, halte ich eigentlich für überbewertet. Zugegeben, er wäre doch später an manchen Stellen praktisch geworden.

Einst „die größte Baustelle Europas“

Ganz easy geht es an der Semmeringbahn dahin, westlich von den Gleisen, am Kinderbahnhof (sehr putzig!) vorbei und über den Wolfskogel zur Doppelreiterwarte. Bereits auf diesem Weg bleiben wir immer wieder an den Infotafeln über die Semmeringbahn stehen, die wirklich sehr interessant sind. Spätestens jetzt verstehe ich auch, warum Veronika in ihrem Beitrag meinte, dass man hier sehr viel Zeit vertrödeln kann.

Eine Bahnstrecke in einer so zerklüfteten Landschaft, mit über 15 Tunnels und wirklich beeindruckenden Viadukten – gebaut von 20.000 Arbeitern (wohl keine :innen) Mitte des 19.Jahrhunderts. Eine Zeitlang war sie die „größte Baustelle Europas“. Grund dafür – Furcht vor den arbeitslosen und unzufriedenen Menschen in Wien, die Idee: Sie aus der Hauptstadt wegzuschicken und beim Bau der Semmeringbahn über längere Zeit beschäftigt zu halten.

Die Doppelreiterwarte bietet einen ersten tollen Ausblick, bei Kaiserwetter strahlen Rax und Schneeberg um die Wette. Ziemlich, eigentlich sehr schön!

Kaiserwetter. Foto: Sarah Pallauf
Kaiserwetter. Foto: Sarah Pallauf

Bis zum 20-Schilling-Blick ist der Weg auch ausgezeichnet beschildert, außerdem sind so viele Menschen unterwegs, dass man ihn kaum verfehlen kann. Manche springen nur aus ihren Autos, fragen hektisch „wo denn jetzt dieser 20-Schilling-Blick sei“ und fahren wieder. Um nichts in der Welt würde ich eine Öffian- und abreise gegen so eine Wanderung per Auto und Parkplatzsuche eintauschen. #bahnzumbergliebe

Auch beim 20-Schilling-Blick gibt es eine Infotafel und einen super Ausblick. Ersteres ist gut, an den Geldschein mit Blick auf ein das Kalte Rinne-Viadukt kann ich mich nämlich kaum noch erinnern. Mein Papa hingegen schon 😊

Das war der 20-Schilling-Schein. Foto: Sarah Pallauf
Das war der 20-Schilling-Schein. Foto: Sarah Pallauf

Bahn siegt über Blunzen

Kurz nach diesem Aussichtsplatz stehen wir vor der ersten Entscheidung – direkt nördlich nach Breitenstein zum Blunzenwirt oder den größeren Schlenker über die Fleischmannbrücke und die Kalte Rinne, dafür aber weiter der Bahn entlang? Die Wahl fällt sehr schnell auf die längere Bahnstrecke und somit gegen die Blunzen (essen wir eh nicht).

Ab jetzt wird es aber orientierungstechnisch ein bisschen schwierig, wir lesen die Karte falsch, der Kompass ist immer noch zuhause, die Markierungen plötzlich nicht mehr so klar, der Weg windet sich wie er will und so stehen wir nach einem recht steilen Anstieg auf einmal vorm Südbahnhotel (wo wir nicht hinwollten). Das zahlt sich aber aus – ein schöner Jausenplatz und eine richtige Zeitreise. Von außen kann man zumindest den Ballsaal mit den riesigen Kronleuchtern erahnen, ebenso den Balkon mit perfektem Rundblick. Wir spinnen Ideen, was man aus diesen alten, leerstehenden Hotels alles machen könnte. Seufz.

Sogar der Railjet lässt sich Zeit

Schließlich können wir uns doch wieder orientieren und finden auch die Semmeringbahn wieder, die uns über die Meierei und die Fleischmannbrücke leitet. Ganz oft direkt an den Gleisen und hier fährt sogar der Railjet langsam. Wir machen viele Fotos, trödeln noch mehr und kommen auch ohne Blunzen nur langsam voran. Was für eine wunderschöne Strecke – als große Bahnfans sind wir beide ganz entzückt.

Im Schnee hinunter zur Fleischmannbrücke. Foto: Sarah Pallauf
Im Schnee hinunter zur Fleischmannbrücke. Foto: Sarah Pallauf

Am Weg finden sich auch hier weitere Infostationen zur Bahnstrecke, außerdem kann man in kleinen Hütten nachempfinden, wie die Bauarbeiter dieser Bahn damals gelebt haben („Baracken“ trifft es ganz gut) und mit welchen Werkzeugen gearbeitet wurde. Mit diesem Wissen ist die Fleischmannbrücke umso beeindruckender. Nach ebendieser geht es einmal wirklich steil hinauf, um oberhalb der Geleise weiterzuwandern. Auch mein Papa ist beeindruckt – so nahe an fahrende Züge heranzukommen ist wirklich eine Seltenheit. 

So nah dran – für Zugfans ein Genuss! Foto: Sarah Pallauf
So nah dran – für Zugfans ein Genuss! Foto: Sarah Pallauf
Hallo, Railjet! Foto: Sarah Pallauf
Hallo, Railjet! Foto: Sarah Pallauf

Hinternrutschen zur Kalten Rinne

Das letzte Viadukt unserer Tour ist jenes über die „Kalte Rinne“ – auch sehr beeindruckend, weil doppelstöckig. Dort treffen wir auch die Familie wieder, die mit uns bis Semmering gefahren sind. Wie gehen also das Tempo von 10-Jährigen. 😊

Viadukt über die Kalte Rinne. Foto: Sarah Pallauf
Viadukt über die Kalte Rinne. Foto: Sarah Pallauf

Lustige Situationskomik gibt es an diese Stelle: Der Weg nach dem Ghega-Museum hinunter zum Viadukt ist nicht nur sehr steil, sondern auch sehr vereist. Nach einigen Minuten sitzen von unserem Grüppchen drei Menschen auf ihrem Po und rutschen vorwärts. Wir lachen alle und rappeln uns irgendwann wieder auf – ein netter Moment!

Bei der Kalten Rinne verlaufen wir uns nochmals und stehen vor einem Wanderweg über die Pollereswand, der allerdings wegen Steinschlag gesperrt ist. Also wieder zurück zur Kalten Rinne und damit zu Straße nach Breitenstein. Es wird kühl in diesem schattigen Tal, der Tag scheint sich hier schon seinem Ende zuzuneigen. „Bis nach Payerbach kommen wir eh nicht mehr“, sind wir beide uns einig und schließen uns den Wandersmenschen an, die alle zum Bahnhof Breitenstein pilgern.

Wer weniger trödelt, hat in Breitenstein die Qual der Wahl… Foto: Sarah Pallauf
Wer weniger trödelt, hat in Breitenstein die Qual der Wahl… Foto: Sarah Pallauf

Wenn man weniger Infotafeln liest, sich weniger verläuft und weniger Eishänge hinunterrutscht, kann man natürlich auch schneller vorankommen und noch bis zum Bahnhof Payerbach-Reichenau oder kürzer bis Klamm oder Küb weitergehen (vom Höllental aus bis nach Küb sind wir übrigens letzten Sommer mit meiner Wandergruppe „dunya – Begegnung in Bewegung“ gegangen). Aber das macht gar nichts – mein Papa und ich haben diesen Wandertag sehr genossen und unterstreichen ihn in unserer Wanderliste doppelt und dreifach.

Die Rückfahrt von Breitenstein verläuft unkompliziert – mit dem Regionalzug nach Semmering zurück (auch schön, weil man den Weg, den man eben gegangen ist, nun wieder von der Zugperspektive aus sieht) und dann vom Semmering mit dem Railjet nach Wien.
(Achtung in Breitenstein: Man kann theoretisch in beide Richtungen fahren – direkt nach Wien oder Richtung Mürzzuschlag, in diesem Fall muss man eben in Semmering umsteigen. Einfach schauen, welcher Zug früher kommt – bei uns war es jener nach Semmering.)

Eine besonders schöne Lok bringt uns nach Meidling zurück… Foto: Sarah Pallauf
Eine besonders schöne Lok bringt uns nach Meidling zurück… Foto: Sarah Pallauf

Fazit

Eine sehr abwechslungsreiche Wanderung mit ausreichend Flexibilität, da es unterwegs mehrere Bahnhöfe und somit An- und Abreisemöglichkeiten gibt (außerdem sehr fein erreichbar von Wien aus!). Für Zugfans ein absolutes Muss. Und sogar für solche, die eigentlich gar nicht so gern wandern (Gell, Papa!).

Wärmste Empfehlung, dreimal unterstrichen!

Tourdaten

Die Route in Zahlen:   4:00 Std Wandern   250 HM   350 HM   10 km   GPX Track

Ein Kommentar

  1. Liebe Sarah! Herrlich geschrieben – ich hab direkt Lust morgen auf den Semmering zu fahren 😉 Lieben
    Gruß – Veronika

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