Auf das Gößeck von Kammern

Konditionell fordernde, technisch einfache Wanderung auf das Gößeck, schmale Wald- und Almwegen, traumhafte Aussicht, beeindruckende Blumenvielfalt und eine Begegnung mit dem „König der Alpen“.

Vor einem Jahr hat mir meine gute Wanderfreundin Isabelle von einer wunderschönen Berg-Wanderung nicht allzu weit von Graz entfernt erzählt. Damals noch mit dem Auto unterwegs, schlägt sie mir diesmal vor, dieselbe Tour mit dem Zug anzusteuern. Nach kurzer Planung stellen wir fest, dass es problemlos möglich ist und starten am folgenden Tag mit unserem Freund Andreas in ein neues Abenteuer.

Anreise

Wähle einen Ort um den Fahrplan zur Tour zu zeigen:

In Kürze

  • Start: Bahnhof Kammern (660m)
  • Ziel: Gößeck (2.214m) + Rückkehr zum Bahnhof
  • Gehdauer (laut Beschilderung): 10 Stunden (5h hinauf, 5h zurück)
  • Länge: 18 km (9 + 9km)
  • Höhenmeter: 1.500 hm rauf + 1.500 hm runter
  • technisch: leicht
  • konditionell: anspruchsvoll
  • Einkehrmöglichkeit: nur im Ort, unterwegs keine
  • Aussicht: Herrliche Rundumsicht bereits ab der Hälfte des Hinweges
  • Bonus: Große Steinbockherde im Gipfelbereich

Von Kammern bis zur Alm

Vom Bahnhof Kammern gehen Isabelle, Andreas und ich, nachdem wir die Schoberpaß Landesstraße hinter uns gelassen haben, links an der Kirche vorbei durch die Kirchgasse immer geradeaus Richtung Ortszentrum bis zum Gasthof Judmayer.

Start am Bahnhof Kammern. Foto: Johannes Reinprecht.
Start am Bahnhof Kammern. | Foto: Johannes Reinprecht

Dort biegen wir links ab, Richtung Feuerwehrhaus und nehmen dann rechts die erste Abzweigung in den Kalvarienbergweg, wo uns auch schon der erste Wegweiser Richtung Gößeck den Weg weist. Direkt neben dem Wegweiser ist eine Kreuzwegstation, ein Zeichen für den uns bevorstehenden Kreuzweg? Von nun an geht es bergauf. Stolze 1.600 Höhenmeter trennen uns von unserem Ziel. Ich freue mich auf die Herausforderung.

Nach kurzer Gehzeit teilt sich der Weg am Ortsende beim Postkasten „Kalvarienbergweg 25“. Wir zweigen links auf einen Waldweg ab.

Abzweigung in den Wald (am Ortsende Kammern). Foto: Johannes Reinprecht.
Abzweigung in den Wald (am Ortsende Kammern). | Foto: Johannes Reinprecht

Am Waldanfang finden wir einen weiteren Wegweiser mit erster Zeitangabe. „Gößeck 5 h“ lesen wir dort. Da wir bereits in acht Stunden zurück am Bahnhof sein möchten, geben wir etwas Gas und folgen nach einer Zaunübersteigung zügig den Markierungen durch das rasch ansteigende Waldgebiet. Isabelle gibt als geübte Wanderin das Tempo vor. Ich folge ihr mit ein wenig Abstand. Mit dem nicht so geübten Andreas vereinbaren wir ein Wiedersehen am Bahnhof. Bald fällt er zurück und wir sehen ihn nicht mehr. Da es aber vorher schon abgesprochen war, dass wir diesmal nicht zusammenbleiben, ist es kein Problem. Die schwüle Sommerhitze macht uns zu schaffen. Mehrmals queren wir einen Forstweg. Einmal führt der Weg zu einer Forststraße, ohne dass wir eine Markierung sehen können. Wir entscheiden uns links zu gehen und folgen der Forststraße bis wir eine Markierung sehen und dann rechts bei einem Wegweiser wieder auf den Waldweg abbiegen.

Etwas Aufmerksamkeit braucht es auch bei einer kleinen Hütte am Rand der Forststraße (siehe Foto unten). Der markierte Weg biegt gegenüber der Hütte links ab. Der rot-weiß-rote Holzstipfel ist im langen Gras aber schwer zu erkennen. Ich hätte ihn übersehen und wäre auf der Forststraße weiter gegangen. Dank Isabelle folgen wir dem richtigen Weg. Andreas wird später an dieser Stelle einen kleinen Umweg machen.

Achtung: Markierung schlecht sichtbar. Foto: Johannes Reinprecht.
Achtung: Markierung schlecht sichtbar. | Foto: Johannes Reinprecht

Ein erster herrlicher Ausblick auf das Tal belohnt unsere Mühen:

Herrliche Aussicht schon beim Aufstieg. Foto: Johannes Reinprecht.
Herrliche Aussicht schon beim Aufstieg. | Foto: Johannes Reinprecht

Schließlich erreichen wir die Rammelhütte, eine Station der Bergwacht, die mit dem Auto fast noch erreichbar ist. (Vor der Hütte genießen einige Leute ihr Bier und erklären uns, dass die Hütte im Privatbesitz ist und nicht bewirtschaftet wird. Sie bieten uns ein Bier an, was wir dankend ablehnen. Als wir die Frage nach dem Ziel unserer Wanderung mit „Gößeck und zurück zum Bahnhof“ beantworten, ernten wir erstaunte Blicke. Man sagt uns: „So eine Tour beginnt man um 6 Uhr. Da habt ihr noch viel vor euch. Zum Glück bleibt es lange hell.“ Wir mögen es, unterschätzt zu werden, verabschieden uns und setzen unseren Weg fort.)

Achtung: Der Weg zweigt links vor der Hütte ab, den Hinweispfeil findet man auf der Außenwand der Hütte.

Leicht zu übersehen: Die Markierung auf der Außenwand der Hütte. Foto: Johannes Reinprecht.
Leicht zu übersehen: Die Markierung auf der Außenwand der Hütte. | Foto: Johannes Reinprecht

Nach etwa 15 Minuten verlassen wir den Wald und betreten die Alm, die zum Klauen hinaufführt.

Über den Klauen und Kahlwandspitze auf das Gößeck

Von nun an lassen wir Wald und Schatten hinter uns und sind der unbarmherzigen Augustsonne ausgeliefert.

An dieser Stelle geht der Wald in die Alm über. Foto: Johannes Reinprecht.
An dieser Stelle geht der Wald in die Alm über. | Foto: Johannes Reinprecht

Wir folgen dem Weg weiter aufwärts über die Alm, vorbei an einer Gruppe Kühe, die argwöhnisch unseren Aufstieg beobachtet. Ob sie das gleiche denken, wie die Leute bei der Hütte? Das herrliche Gipfel-Panorama entfaltet sich mit zunehmender Höhe. Nach einer kurzen Rast erreichen wir das Ende der Almwiese. Fortan folgen wir dem Bergkamm via Klauen (1.849 Meter) und Kahlwandspitze (2.090 Meter) durch Latschengassen und schrofiges Gelände. Der Ausblick ist herrlich und kann durchaus als eigenständiges Wanderziel mit weitaus geringerem Zeitaufwand empfohlen werden.

Hat man den Klauen erreicht, ist etwa der halbe Weg geschafft. Ein Wegweiser kündet 2,5 Stunden nach Gößeck und Kammern (siehe Foto unten). Das kann ermutigend sein oder das Gegenteil bewirken. Ich versuche, nicht darüber nachzudenken und gehe weiter.

Motivation oder Verzweiflung: Die Mitte des (Hin)Weges ist (schon/erst) erreicht. Foto: Johannes Reinprecht.
Motivation oder Verzweiflung: Die Mitte des (Hin)Weges ist (schon/erst) erreicht. | Foto: Johannes Reinprecht

Unterwegs kreuzt eine schwarze Schlange unseren Weg, vermutlich eine giftige Höllenotter! Sie lässt uns jedoch ungehindert passieren. Nachdem wir die Latschengassen hinter uns gelassen haben, gehen wir über blumenreiche Wiesenwege.

Schöner Weg am Bergkamm. Foto: Johannes Reinprecht.
Schöner Weg am Bergkamm. | Foto: Johannes Reinprecht

Ich sehe die unterschiedlichsten schönen Blumen und herrliche Berggipfel. Mein Herz freut sich. Die verschwenderische Maßlosigkeit der mich umgebenden Schönheit gibt mir Hoffnung, dass da jemand ist, der es gut mit mir meint.

Der Weg ist lange, es zieht sich. Unterwegs kommen uns einige Wanderer entgegen, die vermutlich schon am Rückweg sind, weil sie vernünftig waren und früher gestartet sind.

Die Aussicht ist beeindruckend. Die Hitze auch. Mehrmals trage ich Sonnencreme auf. Leider unvollständig, was ich später noch schmerzhaft zu spüren bekomme. Immer wieder bleibe ich stehen und mache Fotos, wissend um die Wichtigkeit gelungener Dokumentation für den eigenen facebook-Status. Außerdem habe ich zufällig die Leute von „Bahn-zum-Berg.at“ im Zug getroffen und angesprochen. Vielleicht schreibe ich einen Bericht für sie.

Auf den Gipfel des Gößecks

Wir machen eine weitere kurze Pause. Ausreichend zu trinken ist wichtig. Ich habe etwa zwei Liter Wasser eingepackt und versuche, es mir gut einzuteilen. Unterwegs gibt es keine Möglichkeit, Getränke oder Wasser aufzufüllen. Doch die Anstrengung fordert ihren Tribut. Ein Muskel bei meinem linken Knie verspannt sich und ich muss mich kurz hinsetzen und dehnen. Danach geht es wieder. Schließlich erreichen wir die Hochebene vor dem letzten Anstieg. Ein Schild kündet „Gößeck ½ h“. Bevor ich weiß, ob ich jubeln oder weinen soll, sehen wir Steinböcke. Viele Steinböcke! Eine Herde von circa 50 Tieren ruht gemütlich in der Nähe des Gipfels. Da ist er, der König der Alpen! Einige Wanderer machen Fotos, was wir für eine nachahmenswerte Idee halten.

Fotosession mit dem König der Alpen. Foto: Johannes Reinprecht.
Fotosession mit dem König der Alpen. | Foto: Johannes Reinprecht

Nach der Fotosession sind wir motiviert für den letzten Anstieg. Schon nach 15 Minuten erreichen wir den Gipfel mit dem Kreuz. Geschafft! Nach vier Stunden und zehn Minuten sind wir am Ziel angekommen. Wir sind einige Zeit alleine am Gipfel (weil die Frühstarter schon alle weg sind) und genießen unsere Jause, die fantastische Aussicht und die Flugshow. Ja, Flugshow! Zufällig fliegen einige Segelflieger um den Gipfel. Als kurze Zeit später eine Gruppe junger Männer am Gipfel ankommt und mit dem Fotografieren der Flugzeuge und Funkgesprächen beginnt, frage ich sie, ob sie ein Filmteam sind. Sie erklären mir, dass sie zu einer Flugschule gehören und den Aufstieg gemacht haben, um ihre Kollegen zu fotografieren. Wir erleben einige coole Flugmanöver und sind beeindruckt. Nach einer halben Stunde treten wir den Rückweg an. In vier Stunden fährt unser Zug und wir träumen davon, vorher noch einzukehren und etwas zu trinken…

Der Rückweg (auf der selben Route)

Gestärkt von der Jause und motiviert vom neuen Getränkeziel starten wir mit frischem Schwung. Die Steinbockherde ist mittlerweile näher an den Wanderweg herangekommen, was wir für eine weitere Fotosession nutzen. Die Tiere strahlen eine Ruhe, Stärke und Anmut aus und ignorieren gekonnt die Wanderer. Nur die kreisenden Segelflieger machen sie etwas unruhig.

Unterwegs mache ich noch ein paar Fotos. Ich spüre meinen Muskel am Knie wieder. Isabelle gibt mir Traubenzucker mit Magnesium. Ich bin kein Fan von Traubenzucker, aber es hilft. Wir gehen schnell, möchten in drei statt in fünf Stunden unten sein. Natürlich lassen wir uns nochmal bei der Rammelhütte sehen. Die Leute von vorhin sind noch dort und meinen beeindruckt: „Oh, ihr wart aber schnell!“ Wir mögen es, unterschätzt zu werden.

Der Weg zurück. Foto: Johannes Reinprecht.
Der Weg zurück. | Foto: Johannes Reinprecht

An die letzten Meter nach unten kann ich mich nicht mehr so genau erinnern. Gedächtnisverlust ist eine Schutzfunktion des Gehirns, um ein Weiterleben nach traumatischen Erlebnissen zu gewährleisten. Es geht auf jeden Fall viel bergab und ich bin froh, wenn die Forststraße zwischendurch etwas ebenen Boden unter meine Füße bringt. Ein Telefonat mit Andreas ergibt, dass er in Kammern im Café Ladi auf uns wartet. Wir träumen von nicht vorhandenen Bächen, die unsere Füße kühlen. Gegen Ende des Abstiegs sind wir schon sauer, dass es immer noch bergab geht. Tatsächlich erreichen wir nach drei Stunden Kammern und haben noch eine Stunde Zeit, unsere leeren Flüssigkeitsspeicher wieder aufzufüllen! Das ist Freude! Gleichzeitig stelle ich fest, dass ich auf beiden Unterschenkeln einen ziemlichen Sonnenbrand habe. Also auch Kreuzweg. Ich wechsle in meine bequemen Laufschuhe und ziehe den Neid meiner nur bergbeschuhten Wanderfreunde auf mich.

Gemütlich kommen wir nach 18 Uhr am Bahnhof an und haben ausreichend Zeit, um das Rückfahrt-Ticket zu kaufen. Wir kennen es auch anders: Bei der letzten Wanderung auf die Leobner Mugel mussten wir beim Rückweg quer durch Leoben zum Bahnhof laufen. Aber das ist eine andere Geschichte, die nicht in Verbindung mit der auf dieser Webseite beschriebenen Mugel-Wanderung steht…

Wähle einen Ort um den Fahrplan zur Tour zu zeigen:

Im Zug entdecken wir unsere Bahn-zum-Berg-Bekanntschaft von heute Morgen wieder. Wir tauschen uns ein wenig aus und ich biete an, einen Bericht zu schreiben. Martin nimmt an.

Fazit

Ich verstehe, warum Isabelle so begeistert vom Gößeck war, dass sie noch einmal gehen wollte. Die Mischung aus Natur, körperlicher Herausforderung und wunderschöner Landschaft hat auch mich in den Bann bzw. die Bahn gezogen.

Tourdaten

Die Route in Zahlen: Gehzeit 8h  1.500HM  1.500HM  18km  GPX Track

Diese Tour kann mit öffentlichen Verkehrsmitteln von Graz, Wien, Bruck an der Mur, Wiener Neustadt und Leoben erreicht werden.