Am Lasörlinghöhenweg – ich erfülle mir einen Traum

Neue Reichenberger Hütte (2.586 Meter). Foto: Silvia Henglmüller

Steckbrief

RouteDistanzHöhenunterschiedDauer
Tag 1Virgen – Zupalseehütte12 km+1.500/-300 hm6 Std.
Tag 2Zupalseehütte – Berger-See-Hütte12 km+1.000/-1.300 hm6 Std.
Tag 3Berger-See-Hütte – Neue Reichenberger Hütte11 km+ 1.150/-750 hm5,5 Std.
Tag 4Neue Reichenberger Hütte – Clarahütte9 km+ 250/-800 hm3,5 Std.
Tag 5Clarahütte – Ströden8 km-650 hm3 Std.

Vorbereitung

Als ich vor mehr als 10 Jahren traumhaft schöne Fotos von einer Wanderung auf dem Lasörling Höhenweg im Nationalpark Hohe Tauern gesehen habe, dachte ich nicht, dass ich ihn jemals selbst gehen würde. Nach Osttirol ist die Anreise von Wien relativ lang, sodass es sich für 2-3 Tage nicht auszahlt. Und länger blieb ich (außer beruflich) allein nie von zuhause weg. Außerdem hätte ich mir eine mehrtägige Wanderung dieses Ausmaßes damals nicht zugetraut.

Solche Bilder vom Nationalpark Hohe Tauern machen Lust auf den Lasörlinghöhenweg. Foto: Silvia Henglmüller
Solche Bilder vom Nationalpark Hohe Tauern machen Lust auf den Lasörlinghöhenweg. Foto: Silvia Henglmüller

Doch er blieb mir immer im Hinterkopf. Die Zeiten ändern sich, und nach der Lechquellenrunde letztes Jahr entschließe ich mich im März 2022 dazu, mir diesen lang gehegten Traum zu erfüllen und informiere mich genauer. 

Im Original startet der Höhenweg in Matrei. Da einige Hütten keine Gäste mehr beherbergen, ist die erste Etappe zur Zupalseehütte mit acht Stunden Gehzeit und ca. 1.800 Höhenmetern sehr lang. Ich entscheide mich für den kürzeren Aufstieg zur Zupalseehütte von Virgen aus.

Von der Zupalseehütte hat man mehrere Möglichkeiten. Man kann auf dem Panoramaweg oder oben am Kamm zur Lasörling Hütte gehen, auf dieser übernachten und dann über den Lasörling oder um diesen herum (über das Prägarter Törl) weiter zur Neuen Reichenberger Hütte gehen.

Lasörling, 3.098 Meter. Foto: Silvia Henglmüller
Lasörling, 3.098 Meter. Foto: Silvia Henglmüller

Der Lasörling könnte mein erster 3000er werden. Aber der Weg ist schwarz markiert und damit schwer, und das traue ich mir heuer nicht zu. Ich wähle daher eine andere Variante über die Bergersee Hütte zur Neuen Reichenberger Hütte, wo ich die Lasörlingeroberer wieder treffen werde.

Von der Neuen Reichenberger Hütte kann man – wie auch von den anderen genannten Hütten – ins Tal absteigen. Oder wie ich noch eine Übernachtung auf der Clarahütte dranhängen, bevor man durch das Umbaltal wieder zum Virgental zurückkehrt.

Nach ausgiebigen Recherchen im Internet beschließe ich also meinen persönlichen Weg, buche Zug- und Busfahrt und reserviere die Übernachtungen. Bei den Hütten wähle ich Zimmerlager, da die weniger Plätze haben als Matratzenlager. Schließlich aktualisiere ich meine Packliste und richte alles her, was ich mitnehmen will. Ca. 8,7 kg hat der gepackte Rucksack (inkl. Proviant) ohne Wasser.

Das alles soll mit 😳 Foto: Silvia Henglmüller
Das alles soll mit 😳 Foto: Silvia Henglmüller

Von meinen Bergkameraden lerne ich noch weitere Varianten, z. B. Aufstieg von Virgen Mitteltal oder Abstieg nach Hinterbichl und weiter wandern am Virgentaler Sonnseitenweg oder von der Clarahütte rauf in die wirklich hohen Berge und die Gletscher oder weiter am Iseltrail bis Lienz usw.

Anreise nach Virgen

Abfahrt Wien Meidling. Foto: Silvia Henglmüller
Abfahrt Wien Meidling. Foto: Silvia Henglmüller

Am 11.8. ist es also soweit und ich fahre mit dem Zug nach Lienz. Die Fahrt im 6er Abteil ist dank meiner vier Sitznachbarn, allesamt Kärntner, die gerade vom Urlaub zurück gekommen sind, ausgesprochen nett und kurzweilig. In Lienz habe ich eine Stunde Zeit, mir die Beine zu vertreten und mir das hübsche Stadtzentrum, das vom Bahnhof schnell erreicht ist, anzuschauen.

Bummel durch die Fußgängerzone in Lienz. Foto: Silvia Henglmüller
Bummel durch die Fußgängerzone in Lienz. Foto: Silvia Henglmüller

Mit dem Bus geht es weiter nach Virgen, wo ich eine Nacht beim Panzl Bräu gebucht habe. Nach dem Einchecken ist mir nach der langen Fahrt noch nach etwas Bewegung und ich gehe eine Runde zur Ruine Rabenstein, bevor ich mich über eine herrliche Portion heimischer Spezialitäten hermache.

Ruine Rabenstein. Foto: Silvia Henglmüller
Ruine Rabenstein. Foto: Silvia Henglmüller

Etappe 1: Virgen – Zupalseehütte

Nach dem Frühstück schultere ich meinen Rucksack und folge den gelben Wegweisern. Ab der Isel, die hier ganz gemütlich dahin plätschert, geht es grad durch den Wald bergauf zur Würfelehütte. Weiter zur Wetterkreuzhütte könnte man direttissima bergauf gehen, aber ich bleibe großteils auf der bequemeren Forststraße, auf der auch das Hüttentaxi fährt, weil ich mich erst an den schwereren Rucksack gewöhnen und mein Tempo finden muss. Himbeeren am Wegesrand versüßen mir den Aufstieg. Auch hier wütet der Borkenkäfer und einige Hänge werden gerodet.

Wie angegeben, erreiche ich nach drei Stunden die Wetterkreuzhütte (2.106 Meter) , die nicht mehr bewirtschaftet ist, sondern von Selbstversorgern gemietet werden kann.

Ich mach erst mal Pause und genieße die geniale Aussicht von der Virgentaler Sonnenseite bis Matrei und die Glocknergruppe. Dahinter türmen sich bereits Wolken auf, die Gewitter ankündigen.

Aber noch spielt das Wetter mit, und ich folge ein kurzes Stück über die Heller Höhe dem Lasörling Höhenweg, um ihn für die Besteigung des Legerle wieder zu verlassen.

Das Legerle. Foto: Silvia Henglmüller
Das Legerle. Foto: Silvia Henglmüller

Es zieht sich ein bisschen, bis man nach dem kleinen Holzkreuz, dem großen modernen Kreuz und der Steinsäule den unscheinbaren Gipfel des Legerle erreicht.

Nach ersten Serpentinen empfängt mich bei dem kleinen Holzkreuz eine kleine Ziegenherde, die sich als ziemlich aufdringlich und anhänglich heraus stellt. Wahrscheinlich haben sie wenig Abwechslung hier heroben…. 

Ziegen am Legerle. Foto: Silvia Henglmüller
Ziegen am Legerle. Foto: Silvia Henglmüller

Da mir der Ziegenbock nicht ganz geheuer ist, bin ich froh, als sie bei dem modernen Kreuz wieder andere Wege gehen. Den Gipfel habe ich nach diesem steilen Anstieg aber noch immer nicht erreicht. Bis dahin sind es nochmal ca. 100 Höhenmeter. Der Anstieg hat sich allemal gelohnt, denn die Aussicht ist überwältigend schön. Obwohl mir der Wind schon ganz schön um die Ohren pfeift, nehme ich mir Zeit für ein paar Selfies.

Am Legerle Gipfel (2.727 Meter). Foto: Silvia Henglmüller
Am Legerle Gipfel (2.727 Meter). Foto: Silvia Henglmüller

Dann aber schnell die 230 Höhenmeter runter zur Zupalseehütte, denn jetzt kommt das angekündigte Gewitter rasch näher. Ich habe Glück und erreiche bei den ersten Regentropfen die gemütliche Hütte.

Das Zimmer teile ich mit zwei sympathischen Paaren, und auch beim Abendessen unterhalte ich mich bestens, während das Gewitter weiter zieht und die Bergspitzen weiß angezuckert zurück lässt.

Nach dem Gewitter. Foto: Silvia Henglmüller
Nach dem Gewitter. Foto: Silvia Henglmüller

Etappe 2: Zupalseehütte – Berger-See-Hütte

Zupalseehütte bei Sonnenaufgang. Foto: Silvia Henglmüller
Zupalseehütte bei Sonnenaufgang. Foto: Silvia Henglmüller

So leise als möglich stehle ich mich um 6 Uhr aus dem Zimmer um den Sonnenaufgang zu sehen. Der Zupalsee liegt vollkommen ruhig da und die Hütte und die Berge spiegeln sich darin. In den Senken bedeckt noch der Raureif das Grün, und die Kühe werden nach und nach munter. Ein schöner Tag kündigt sich in aller Ruhe an.

Blick zurück zum Zupalsee und zur Hütte. Foto: Silvia Henglmüller

Ich halte mich heute nicht an den vorgeschlagenen Lasörlinghöhenweg, weil ich bei diesem schönen Wetter lieber oben am Kamm als unten im Tal gehe. Nach dem Frühstück erreiche ich nach einem kurzen knackigen Aufstieg den Kamm zwischen Virgental und Defereggental. Ich kann mich gar nicht satt sehen an dieser wunderschönen Aussicht hinunter in die Täler und auf die Berge rundum. Ich bin ganz alleine unterwegs und genieße den Weg zuerst auf den Donnerstein und weiter zum Speikboden. Dies ist für mich der schönste Abschnitt der gesamten Wanderung 😍

Traumaussicht. Foto: Silvia Henglmüller

Kurz nach dem Speikboden führt mein Weg bergab, und ich treffe auf den Lasörling Höhenweg, der auf der Virgentalseite unterhalb im Steinkaastal verläuft. Bald danach erreiche ich ein kleines Moor, in dem sich die Berge spiegeln. Wie unfassbar schön!

Noch mehr Traumaussicht. Foto: Silvia Henglmüller
Noch mehr Traumaussicht. Foto: Silvia Henglmüller

Weiter geht es mit leichtem Auf und Ab zur Lasörlinghütte. Hier gönne ich mir eine Pause und Stärkung, weil ich weiß  dass mir der anstrengendste Teil dieses Tages noch bevor steht. Ich erkundige mich, wie lange es bis zur Berger-See-Hütte dauert. Da meine bergfex Planung für die gesamte Etappe 5 Stunden Gehzeit vorgesehen hat, kann ich nicht glauben, dass es nochmal 3 bis 3 1/2 Stunden sein sollen. Aber ich hab ja Zeit, tröstet mich Heidi (so heißt die Wirtin tatsächlich), und das Wetter spielt auch mit.

Zum Thema Handy Empfang hat sie einen guten Rat: “Schau nicht auf die App, schau auf die Wolken.” 🙂

Lasörling (3.098 Meter). Foto: Silvia Henglmüller
Lasörling (3.098 Meter). Foto: Silvia Henglmüller

Also hinter der Hütte hinauf. Bald schon bekomme ich im ersten Blockwerk einen kleinen Vorgeschmack auf das, was mich später erwartet. Erst geht es noch durch ein Hochmoor und dann kommt der steinige Aufstieg zum Berger Törl.

Am Weg von der Lasörlinghütte zum Berger Törl. Foto: Silvia Henglmüller
Am Weg von der Lasörlinghütte zum Berger Törl. Foto: Silvia Henglmüller

Die letzten Meter  zum Berger Törl werden durch eine Seilversicherung erleichtert. Ab der Lasörlinghütte habe ich ca. 2 Stunden gebraucht. Oben betrete ich die Kernzone des Nationalpark Hohe Tauern. Unter mir ergießt sich ein Meer aus Steinen, durchzogen von einer Linie rot-weiß-roter Markierungen, die glücklicherweise den Weg durch die Steinwüste weisen. Nach einer Weile sammle ich in einer Pause nochmal die Energie für den kräftezehrenden Abstieg. Schon bald sehe ich die Berger-See-Hütte, aber es soll noch eine weitere Stunde dauern, bis ich dort ankomme.

Da unten am See ist die Hütte 🤗 Foto: Silvia Henglmüller
Da unten am See ist die Hütte 🤗 Foto: Silvia Henglmüller

Ein paar Wanderer wagen ein Bad im kühlen See, ich bevorzuge die heiße Dusche (die tut so gut 😊).

Kurz danach gibt es auch schon Abendessen. Wunderbar schmeckt das Gemüsecurry mit Reis! Das Handy hat hier zwar kein Netz, aber es gibt sehr gutes WLAN, so dass ich meinen Schatz zuhause anrufen kann.

Müde von der langen Wanderung verrolle ich mich zeitig in meine Koje. Ich habe Glück und teile das 6er Zimmer nur mit zwei anderen. Auch die anderen Hüttengäste scheinen redlich müde zu sein, und bald schon herrscht selige Hüttenruhe.

Etappe 3: Berger-See-Hütte – Neue Reichenberger Hütte

Morgenstimmung am Bergersee (2.180 Meter). Foto: Silvia Henglmüller.
Morgenstimmung am Bergersee (2.180 Meter). Foto: Silvia Henglmüller.

Voll neuer Energie und Muskelkater in den Oberschenkeln gehe ich nach dem Frühstück zum Aufwärmen eine Runde um den See, in dem sich der knallblaue Himmel und die Berge spiegeln.

Bei strahlendem Sonnenschein und wolkenlosem Himmel breche ich auf Richtung Muhs-Panoramaweg. Das Bächlein gluckert, die Murmeltiere pfeifen und ich steige frohgemut ohne Stöcke …. Ohne Stöcke? Ups, die hängen noch dort, wo ich sie gestern nach meiner Ankunft gelassen habe. Also zurück zum Start.

Mit den Stöcken im Rucksack steige ich immer noch frohgemut auf, bis ich die “Reisehöhe” des Muhs-Panoramaweges erreiche, der um den Muhskopf herum führt. Man könnte auch über den Muhskopf oder vorher über die Goldeckscharte gehen, aber ich bevorzuge den Panoramaweg mit seinen geringen Höhenunterschieden und der grandiosen Aussicht auf die Gipfel der Venediger Berge zb von der Zopanitzenalm.

Zopanitzenalm (2.350 Meter): Blick auf den Großvenediger. Foto: Silvia Henglmüller
Zopanitzenalm (2.350 Meter): Blick auf den Großvenediger. Foto: Silvia Henglmüller

Gestern Abend wurde ich gefragt, ob es hier Rehe gibt. Jetzt könnte ich das beantworten: Eine Rehgeiß am Wegesrand sieht bzw. riecht mich relativ spät und grunzt mich an, bevor sie nicht zu schnell den Schauplatz verlässt. 

Nach einem kurzen Abstieg hinab ins Lasnitzental präsentiert sich der steile 600 Höhenmeter Anstieg rauf zur Michltalscharte in voller Größe. Mir steckt das Berger Törl von gestern noch in den Knochen bzw. Muskeln, vor allem aber im Hirn, sodass mir der Aufstieg nicht leicht fällt. Ich behelfe mir damit, mir ein Ziel zu setzen, zb einen markanten Stein, und wenn ich den erreicht habe, darf ich kurz Pause machen.

Außerdem hol ich mir bei solchen Stellen gern den Rat von Franziska ins Gedächtnis, und zwar in meiner Version: “Hol deinen Körper mit auf den Berg.” Klingt vielleicht seltsam, weil der Körper ja sowieso da ist, und trotzdem wirkt es in der Sekunde, in der ich in mich hinein spüre: die Schultern straffen sich, ich richte mich auf und auf einmal drückt der Rucksack nicht mehr, und der Muskelkater und der Vortag sind nicht mehr wichtig. Ich realisiere, dass das wieder mal hauptsächlich meine Monkey mind ist, die mir da etwas über den Körper vorgaukeln will….

Wohlverdiente Pause auf der Michltalscharte. Foto: Silvia Henglmüller
Wohlverdiente Pause auf der Michltalscharte. Foto: Silvia Henglmüller

Ich denke, dass solche Hänger beim Weitwandern ganz normal sind, vor allem, wenn man alleine unterwegs ist. Umso intensiver kann ich dann die schönen Momente genießen.

Die Michltalscharte ist der Übergang vom Lasnitzen- zum Kleinbachtal. Der Abstieg zum Kleinbachboden mit seinen überall gluckernden Bächlein umringt von den Gipfeln fällt mir leicht und fröhlich durchquere ich ihn.

Am Kleinbachboden (2.460 Meter). Foto: Silvia Henglmüller

Noch ein Anstieg trennt mich von meinem Tagesziel, der Neuen Reichenberger Hütte, der auf die Rote Lemke. Auch wenn es wieder ein bissl steinig wird, fällt es mir hier relativ leicht und bald bin ich auf der heutigen maximalen Höhe von 2.794 Metern. Ich sehe schon die Hütte, die pittoresk am See liegt. Nicht einmal eine halbe Stunde brauche ich hinunter.

Ich gehe aber nicht gleich in die Hütte, sondern bade meine Füße im kalten See, in dem sich – wieder einmal – die Berge spiegeln. Sorry, dass ich mich wiederhole 😉 Die meisten anderen schmeißen sich mit Jauchzen ins kühle Nass…

In der Hütte bekomme ich einen Kochlöffel mit Schlüssel dran, der zu meinem Nachtlager führt: ich habe ein Kabäuschen ganz für mich allein. Neue Reichenberger Hütte – ich liebe dich jetzt schon.

Neue Reichenberger Hütte (2.586 Meter). Foto: Silvia Henglmüller
Neue Reichenberger Hütte (2.586 Meter). Foto: Silvia Henglmüller

Ich investiere 2 Euro in eine herrliche heiße Dusche und dann creme und salbe ich mich in meiner Privatsuite.

Diese Hütte verfügt weder über Handy Empfang noch über Internet. Ich bin enttäuscht, weil ich das nicht vorher wusste, wo ich mich doch normalerweise täglich zu Hause melde. Aber Hilfe naht: ca. 1 Kilometer Richtung Clarahütte gibt es Empfang 👍 am Weg dorthin wutzelt sich ein fettes Murmeltier gemächlich davon.

Offizieller Handyspot. Foto: Silvia Henglmüller
Offizieller Handyspot. Foto: Silvia Henglmüller

Am Handypunkt treffe ich die vier Kärntnerinnen, die ich schon von den vorherigen Hütten kenne und mich auch zum Abendessen in ihre Runde aufnehmen.

Etappe 4: Neue Reichenberger Hütte – Clarahütte

Kurz nach Sonnenaufgang. Foto: Silvia Henglmüller
Kurz nach Sonnenaufgang. Foto: Silvia Henglmüller

Gestern Abend hat der Hüttenwirt gewarnt, dass für den Nachmittag Gewitter angekündigt sind. Ich verpasse zwar leider den Sonnenaufgang, aber ich sehe die dicken Wolken am Morgenhimmel. Alle sind zeitig beim Frühstück und machen sich zügig fertig, um nicht ins Gewitter zu kommen. Ich verabschiede mich von den Kärntnerinnen mit den Worten “wir treffen uns am Handypunkt”. Da ich schon weiß, dass die nächste Hütte auch keinen Empfang hat, nutze ich diese Gelegenheit nochmal für ein Lebenszeichen nach Hause.

Wie ausgemacht kommen die vier genau, als ich mit dem Anruf fertig bin, und ich schließe mich ihnen für heute an.

Über den Rudolf-Tham-Weg gelangen wir zur Daberlenke und weiter ins wunderschöne Dabertal. Der Weg verläuft etwas oberhalb des Daberbaches angenehm bergab und bietet eine großartige Aussicht in das Tal und auf die umliegende Venedigergruppe. Es ist Feiertag, und immer wieder kommen uns Wanderer entgegen, was richtig ungewohnt ist nach den vergangenen sehr ruhigen Tagen.

Dabertal. Foto: Silvia Henglmüller
Dabertal. Foto: Silvia Henglmüller

Etwas flussabwärts von der Einmündung des Daberbaches in die Isel (ja, die kenne ich von meinem ersten Tag in Virgen) überqueren wir diese auf einer schmalen Brücke. Ein kleines Stück oberhalb trennen sich nach einer herzlichen Verabschiedung unsere Wege: die Mädels gehen runter nach Hinterbichl, während ich noch eine Nacht auf der Hütte vor mir habe.

Es ist erst 11 Uhr, als ich die Clarahütte erreiche. Juraj, der Hüttenwirt, empfängt mich freundlich und klärt gleich das Abendessen ab. Ich möchte noch ein Stück das Tal hinauf gehen, aber den Großteil von meinem Zeug dalassen. Das ist hier überhaupt kein Problem. Obwohl Karin noch am Saubermachen ist, darf ich schon ins Zimmer. Das 2er Zimmer ist blitzblank und gemütlich und mit vielen Details liebevoll ausgestattet, zb viele Haken, eine Steckdose mit Handy Ablage etc. Nachdem ich mein Zeug organisiert habe, genieße ich einen Kaiserschmarrn 😋 

Clarahütte (2.038 Meter). Foto: Silvia Henglmüller
Clarahütte (2.038 Meter). Foto: Silvia Henglmüller

So gestärkt spaziere ich flussaufwärts, so wie der Weg Nr. 911 in meiner App eingezeichnet ist. Etwa 1,5 Kilometer flussaufwärts wird der Weg am anderen Flussufer fortgesetzt – nur: da ist keine Brücke mehr. Da ich eh kein spezielles Ziel habe, gehe ich einfach weiter, denn das angekündigte Gewitter lässt sich noch Zeit.

Es war einmal eine Brücke. Foto: Silvia Henglmüller
Es war einmal eine Brücke. Foto: Silvia Henglmüller

Und dann kommt mir der Typ mit Sportschuhen und Regenschirm nach, über den ich mich mit den Kärntnerinnen bereits gewundert habe, wie er Richtung Dabertal marschiert ist.

Er stellt sich als Gregor aus Slowenien vor und weicht nicht mehr von meiner Seite. Er sucht nach einer Stelle, wo man die Isel überqueren kann, aber dafür ist der Fluss doch zu breit und wild. Dann erreichen wir eine Stelle, an der zwei Seile gespannt sind. “Are you brave enough?” fragte er mich. Reinfallen wäre weniger günstig… Gregor, der erzählt, dass er gestern allein am Großvenediger war (?!) , geht schon mal vor mit seinem Schirm. Ich hab solche “Brücken” mit Sicherung im Hochseilgarten schon begangen und bin zuversichtlich, dass ich es langsam und Schritt für Schritt schaffen werde. In der Mitte ist mir schon ein bisschen mulmig, weil es wegen des ständig fließenden Wassers so aussieht, als würde einem der Boden unter den Füßen weggezogen. Aber es hilft ja nix, wenn man schon in der Mitte ist…

Nur für gute Nerven: auf der Seilbrücke über die Isel. Foto: Silvia Henglmüller
Nur für gute Nerven: auf der Seilbrücke über die Isel. Foto: Silvia Henglmüller

Auf der anderen Seite angekommen, kriege ich großes Lob von meinem Pan Tau, der mir eröffnet, dass uns weiter oben “via ferrata”, also ein Klettersteig erwartet. Da ich auf der Karte einen See gesehen habe, den ich gern sehen würde, will ich vor Ort entscheiden, ob ich mich drüber traue.

Aber auch nach der kurzen Kletterstelle sind wir noch nicht am See, geschweige denn am Gletscher. Noch eine Steigung, dann liegt auf knapp 2.400 Metern der kleine See vor uns (ca. 3 Kilometer ab Clarahütte). 

Am Gletschersee vor dem Umbalkees (2.400 Meter). Foto: Silvia Henglmüller
Am Gletschersee vor dem Umbalkees (2.400 Meter). Foto: Silvia Henglmüller

Über dem Umbalkees ist der Himmel blau, aber Richtung Hütte schaut es sehr nach Regen aus. Ich lasse Gregor daher allein zum Gletscher gehen und kehre um.

Immer wieder sind Bächlein zu queren, bis ich an der Stelle der weggeschwemmten Brücke das Schild finde.

Die Brücke wurde von der Isel zerstört. Foto: Silvia Henglmüller
Die Brücke wurde von der Isel zerstört. Foto: Silvia Henglmüller

Wieder einmal habe ich Glück und komme mit den ersten Regentropfen zur Hütte. Gregor ist noch unterwegs, aber er hat ja einen Schirm dabei.

Mittlerweile habe ich Flo, einen sehr netten und für sein Alter beachtlich bergerfahrenen jungen Nürnberger als Zimmergenossen bekommen. Wir lassen uns das Menü gut schmecken mit musikalischer Begleitung von Hüttenwirtin Karin. 

Etappe 5: Clarahütte – Ströden

Morgenstimmung auf der Clarahütte. Foto: Silvia Henglmüller
Morgenstimmung auf der Clarahütte. Foto: Silvia Henglmüller

Kurz nach 6 Uhr versuche ich, den Sonnenaufgang einzufangen. Als ich zurück in die Hütte komme, hat Karin den Holzofen in der Stube bereits eingeheizt und ist schon fleißig am Frühstückmachen. Wenn ab 7 Uhr das Buffet gestürmt wird, wuselt sie herum und füllt alles nach, bevor es ausgeht.

Ich habe Zeit, meinen Rucksack für die Rückfahrt zu packen (sauberes Gwand und so…) und breche kurz vor 9 Uhr auf.

Im Umbaltal geht’s talwärts. Foto: Silvia Henglmüller
Im Umbaltal geht’s talwärts. Foto: Silvia Henglmüller

Die Isel ist der längste frei fließende Gletscherfluss der (Ost-) Alpen, und während ich auf einem gemütlichen Weg talwärts gehe, stürzt sie sich in einem abwechslungsreichen Lauf und vielen Kaskaden über die Umbalfälle hinab. Mehrere Plattformen lassen mich das Naturschauspiel aus der Nähe bestaunen.

Unterwegs überholt mich Hüttenwirt Juraj mit einer Kraxn auf dem Rücken. Wenn die Hütte so gut besucht ist wie jetzt gerade, geht er täglich die 4,5 Kilometer bis zum Parkplatz um einkaufen zu fahren und dann 40-70 kg frische Lebensmittel für die Hüttengäste raufzutragen.

Juraj geht shoppen. Foto: Silvia Henglmüller
Juraj geht shoppen. Foto: Silvia Henglmüller
Gewaltiges Naturschauspiel: die Umbalfälle. Foto: Silvia Henglmüller
Gewaltiges Naturschauspiel: die Umbalfälle. Foto: Silvia Henglmüller

Nach knapp 6 Kilometern komme ich zur Islitzeralm und 1,5 Kilometer weiter zur Bushaltestelle in Ströden.

Wie nach jeder mehrtägigen Wanderung erfüllt mich ein Gefühlschaos aus Freude auf meinen Harald und tiefer Dankbarkeit für die wunderschönen Tage, die ich in dieser grandiosen Bergwelt erleben durfte, für meinen Körper, der so brav durchgehalten hat, und für die Begegnungen mit den anderen lieben Wanderern. 

Pünktlich um 11:46 Uhr verlässt der Bus den Parkplatz. Acht Stunden später werde ich zu Hause schon freudig erwartet.

Am Heimweg… Foto: Silvia Henglmüller
Am Heimweg… Foto: Silvia Henglmüller

Nachwort 2025

Ich erinnere mich immer gern an diese wunderschöne Wanderung zurück und kann sie jedem empfehlen. Die Angaben sind alle noch aktuell – nur über den Zustand der Brück bei der Clarahütte bin ich nicht informiert. 😉

Tourdaten

Die Route in Zahlen:   5 Tage Wandern   4.000 HM   3.750 HM   52 km   GPX Track

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