Auch auf BzB finden sich schon zwei Überschreitungen dieser Gebirgsgruppe.
Wir konnten bei bestem Herbstwetter an vier Tagen die Wandersaison 2024 mit einem prächtigen Akkord in strahlendem C-Dur beenden. Unsere Variante stellt teilweise beachtliche Anforderungen an Kondition und Trittsicherheit, will man die beschriebenen alpinen Leckerbissen alle verkosten. Die drei Hütten und die Hauptgipfel lassen sich allerdings auch deutlich einfacher miteinander verbinden.
Steckbrief
| Tag 1: Anreise Roßleithen – Dümlerhütte | +900 hm | 9 km |
| Tag 2: Dümlerhütte – Rote Wand – Wurzeralm – Warscheneck-SO-Grat – Hochmölbinghaus | +1650/-1450 hm | 21 km |
| Tag 3: Hochmölbing – Sumperalm – Türkenkarscharte – Hirscheck – Almkogel – Tauplitz (Grazer Hütte) | +1950/-2000 hm | 29 km |
| Tag 4: Abstieg nach Tauplitz – Heimreise | -800 hm | 7,5 km |
Der Termin ist lange schon fixiert. Die Beobachtung des Wetters und manch andere Umstände geben den Ausschlag: Warscheneck. Mein Bruder kennt die Gegend vom Sommer und vom Winter. In seinem Kopf sind die Ideen für die Routen-Varianten gespeichert.
Es ist spannend, von verschiedenen Seiten (Salzburg und Wien) anzureisen: Werden wir einander noch vor der Dümlerhütte, wo mein Bruder reserviert hat, treffen?
Im Zug von Salzburg nach Linz ist nicht viel los. Eine Mutter hat ein Frisierstudio für ihre Tochter eröffnet.

Im Zug nach Roßleithen – er ist an diesem Samstagmittag fast leer – komme ich ins Gespräch mit dem Schaffner: „Einfach die Straße hinunter und dann unter der Autobahn durch und links den Feldweg – so kommt man gut zum Gleinkersee.“

Ich schätze die Infrastruktur dieser kleinen Ortschaften: sauberes, öffentliches WC! Dann folge ich der beschriebenen Route und nach gut 45 Minuten bin ich im Wald. Da meldet sich auch schon Wolfgang; er will sich von der Busstation Roßleithen-Ortsmitte her der Hütte nähern. Die Tommerlalm wird als möglicher Treffpunkt auserkoren.

Vom Geinkersee wähle ich den Aufstieg über den Präwald. Offenbar ist hier Mitte Oktober Wandertag: auf dem steilen, schmalen, mit Wurzeln gespickten Weg, der bei Gegenverkehr jenen, der nachgibt, zum Stehenbleiben zwingt, kommen mit gruppenweise Wanderer, auch Familien mit kleinen Kindern und Opas und Omas mit Wanderstöcken, die behutsam, fast ängstlich ihrer Schritte setzen, entgegen.

Ich bin zwar der Einzige, der bergan strebt, bin aber keine fünf Minuten allein: erstaunlich, erfreulich, etwas mühsam… Bei der Tommerlalm besiedle ich einen Hochstand, stärke mich und warte. Um ¾ 5 Uhr schreibe ich ein SMS, dass ich schon zur Hütte vorgehe; es wird mir zu kühl und ich will das warme Gewand noch im Rucksack lassen. Da kommt mein Bruder die Forststraße herauf und fröhlich plaudernd (der Gegenverkehr ist nun kein Thema mehr) stehen wir alsbald vor der mächtigen, modernen Dümlerhütte, die wir uns mit gut zwei Dutzend anderen Gästen teilen.

Nach dem üppigen Abendessen ist ein Verdauungsspaziergang angesagt: zum Hüttenkreuz, mit Windjacke (Föhn!) und Stirnlampe. Da -! Ein Moment, der sich fotographisch (mit meinen Mitteln) nicht einfangen lässt: Der (fast noch) Vollmond erhebt sich, wie ein riesiger roter Lampion, über den durch lichten Wald erspähten Horizont.

Wir zählen zu den Ersten, die am Sonntagmorgen um 8 Uhr die Hütte verlassen, – nicht am markierten Weg sondern am Steiglein „zum Hüttenkreuz“, das sich erst später mit der Markierung vereinigt. Unser Plan ist nicht nur die zusätzliche Besteigung der Roten Wand (1872 Meter),

sondern auch noch der – wieder Gegenverkehr reiche – Abstieg zur Wurzeralm und dann der Warscheneck – SO-Grat, während die meisten den direkten Weg zum Gipfel wählen.

Knapp hinter der Bergstation des Frauenkarliftes beginnt der „Peter Reinberg Steig“.

Nur an zwei oder drei Stellen sind die eingebohrten Trittstufen unumgänglich.

Der Weg ist gut beschildert und viel begangen.

Nach etwa 4 ½ Stunden vereinen wir uns mit jenen, die über den Normalweg ihr Ziel, das 2.388 Meter hohe Warscheneck, erreicht haben.

Der Föhn lässt nur einen Blick in die Runde zu, und dann weiter zum Liezener (2.367 Meter). Endlich finden wir ein windstilles Plätzchen, höchste Zeit für eine Stärkung und ein Telefonat: mein Bruder hat das, was ich mir vorgenommen hatte, in die Tat umgesetzt: er hat sich die Telefonnummern der in Frage kommenden Hütten notiert. „Euer Lager ist reserviert“.
Es liegt noch eine gewaltige Strecke vor uns. Drei Tschechen, mit denen sich in der Hochmölbinghütte nette Gespräche ergeben werden, gehen an uns vorbei, hinab in die Untere Windlucken.

Von dieser – der Torstein trennt diese beiden Abfahrten ins berühmte Loigistal – zur Oberen Windlucken und unter der Elmscharte am Weg Nr. 285 und dann 218 zur Hütte. Die Hochfläche haucht mit jedem Atemzug ihre Geheimnisse in die klare Herbstluft: Diese heißen u.a. Groß Wies,

Brunnalm,


Niederhüttenalm,… – ein Ort zauberhafter als der andere.

Die Hochmölbinghütte (bei mir kein Handy-Empfang) steht zur Dümlerhütte in anregendem Kontrast: hier (und ebenso dann bei der Grazer Hütte) merkt man, dass jede Generation Pächter Schicht für Schicht – wie eine über Jahrhunderte gewachsene Stadt Bauwerke aus verschiedenen Epochen von Romanik, über Barock nebst ein paar Gründerzeithäusern und Nachkriegsarchitektur beherbergt – neue (Sicherheits)Vorschriften befolgend ihre Spuren hinterlassen hat. So ist im Lager noch die Stahlplatte, die die Holzvertäfelung vor der Hitze der Gas- oder gar Petroleumlampe schützen sollte neben der modernen Sparlampe zu sehen. Obwohl es die Nacht von Sonntag auf Montag ist, sind wir immer noch über 20 Gäste (gleichmäßig verteilt auf Männer und Frauen).
Unterwegs habe ich mit meinem Bruder schon einen Gedanken geteilt, der sich vorsichtig, doch nach und nach immer selbstbewusster bei mir eingeschlichen hatte: Morgen zum Sonnenaufgang auf den Hochmölbing, und erst nachher zum Frühstück. –
Die Stirnlampen schweigen nach den ersten Metern wieder: Das Mondlicht ist völlig ausreichend, um uns den Weg zu weisen.

Da, kurz vorm Kleinmölbing (2.160 Meter), stocken wir: Sind im mächtigen Kar, das vom Mittermölbing (2.318 Meter) herabzieht, andere Wanderer unterwegs, deren Stirnlampen dieses weiße Licht in die Nacht schicken? – Die Wanderer sind die Schneefelder, das weiße Licht die Albedo des Mondlichts.

Nach gut zwei Stunden sind wir am Hochmölbing (2.336 Meter). Die vielfarbige Helligkeit – noch nicht die Strahlen selbst – der heraufziehenden Sonne branden von der Hochtorgruppe des Gesäuses aus an unsere Iris, und von dort tief in unser Gemüt.

Für eine längere Rast fehlt die Zeit (Frühstück bis 9 Uhr) und die Windstille.


Wir vollenden unsere Runde und steigen über den Goldsee (der Weg ist nicht markiert aber ausgetreten und mit Steinmännern kenntlich gemacht) zu unserer nun schon leeren Herberge hinab, um das Frühstück in vollen Zügen zu genießen.

Für diesen Montag, der uns so überwältigend empfangen hat, gibt es noch einen Extra-Plan: Mein Bruder will über den gesamten Grat vom Hirscheck (2.068 Meter) zum Almkogel (2.116 Meter) und dann weiter zur Tauplitz.
Zunächst gilt es jedoch, das Nachtquartier zu sichern: Das Linzer Tauplitzhaus sagt ab: Keine Übernachtungsgäste mehr. Lange Gesichter. Wolfgang hat eine Alternative: Grazer Hütte. „OK. Wann werdet ihr kommen? Von 17:30 – 18:30 Uhr ist Nachtmahl.“
Zunächst geht es auf wunderbarem Weg zur Sumperalm,



steil hinunter in den Grimmingboden und zur Graßeckalm und in die Türkenkarscharte.

Vor vielen Generationen wurden diese Wege angelegt, Jahr für Jahr gepflegt – und heute dürfen wir in der warmen Föhnluft (der Wind ist jetzt deutlich schwächer) oder im kühlen Herbstschatten hier von einem märchenhaft-verträumten Ort zum anderen wandern. Ich will meinen Beitrag leiste: So mancher Stein oder Zweig, der vom Sturm oder aus einer anderen Laune heraus am Weg wie in einer fremden Liegestatt zur Ruhe gebettet wurde, wird zur Seite geschafft. Der Steig vom Sattel zum Hirscheck ist zwar nicht markiert, aber gut begehbar, wie auch die Einträge im Gipfelbuch bezeugen.

Eigentlich wäre es jetzt Zeit für die Mittagsrast, aber die Neugier (oder soll man es Anspannung nennen?), wie es von hier weiter geht, ist zu groß. Welcher der auf den verschiedenen (Handy)Karten eingezeichneten Pfade existiert wirklich (noch)? Nur wer sich mit Schrofengelände (etwa im Zustieg zu der einen oder anderen Klettertour im Gesäuse) vertraut gemacht hat, wird auf der Etappe zur Alplplan keinen Gedanken an weiche Knie oder trockenen Mund verschwenden müssen… Wir lassen uns von Steinmännchen und Steigspuren leiten, nutzen griffige Felspassagen, weichen allzu steilem Schutt aus; eine Schlucht ist flach genug, um uns geborgen wieder an eine Wiese zu bringen;

wir gewinnen Übersicht über Latschengassen und stehen schließlich in der Hochsteinscharte.

Von hier geht es über Felstürme und Latschengriffe zum Wiesenrücken des Almkogels.

Als wir – entspannt und nach gebührender Stärkung – vom Gipfel aufbrechen, ist es nach 15 Uhr. Wir sind seit 10 Stunden auf den Beinen.

Über die Kamphütten und die Leistalm geht es zum Schwarzensee. Wieder atmet die Landschaft mit jedem Atemzug ihre Geheimnisse der sinkenden Sonne, vor der wir unsere Augen schützen müssen, entgegen: ein Fleck zauberhafter als der andere. Jede Bank vor einer Almhütte winkt einladend herüber – und erhält einen Korb: Wir haben noch einen Termin mit unserem Magen, beim Abendessen!

Dem Steirersee allerdings geben wir keinen Korb, sondern wir vertrauen ihm (nur für vielleicht 30 Sekunden) unsere nackten Körper an. Noch nie habe ich Neugeburt durch Wasser – wie es so manche Religion feiert – so intensiv erlebt. (Das Badverbot wegen Zakarienverseuchung sehen wir erst später).

In der Grazer Hütte (keine AV – Ermäßigung für die Übernachtung!) machen die drei Volksschulkinder der Pächterin am Nebentisch ihre Hausaufgaben, während wir als fast einzigen Gäste unser Abendessen zu uns nehmen. Die Buttermilch mit Preiselbeer genehmigen wir uns zur Feier dieses 13 Stunden Tages. Für die Nacht haben wir ein Zweibett-Lager.
Am Dienstagmorgen heißt es Abschied nehmen, für mich von den Bergen und meinem Bruder, für ihn nur von mir. Er wird noch – nicht nur Winterräume erforschend – zur Pühringerhütte wandern („So etwas soll man nur einmal im Leben machen!“), und dann über das Albert-Appel-Haus nach Altaussee absteigen.
Ich muss nun meine Wegzeiten einschätzen: 9:52 Tauplitz Bahnhof. Zwei Stunden ist realistisch. Die Straße ist mehrmals von umgestürzten Fichten wie von Schlagbäumen einer Zollstation eingeengt: Mein Obolus ist Dankbarkeit und ein beschwingtes Pfeifen.

Auch in Tauplitz gibt es eine öffentliche Toilette; auch am Bahnhof, zu dem ich „weglos“ über Gehsteige und Steigspuren am Bankett durchfinden muss.


Die Fahrt auf der Strecke nach Attnang-Puchheim am Hallstätter See entlang und dann mit den Buslinien hinüber nach Golling (mit Glück habe ich das Umsteigen geschafft) bietet noch jede Menge Motive um die Augen in alle Richtungen schweifen zu lassen.
Dümlerhütte, Hochmölbinghütte und die Tauplitz lassen sich mit den Gipfeln Warscheneck und Hochmölbing auf verschiedenen Wegen gut verbinden. Die Hütten in dieser Gebirgsgruppe sind bis Ende Oktober geöffnet! Da die Hochfläche von Latschen, Lärchen und einigen Zirben geschmückt ist, erfreut den Wanderer die Herbstfärbung, und der traurige Anblick der vom Borkenkäfer in Folge der Klimaüberhitzung angerichteter Schäden bleibt weithin erspart. Vielen Almen sind von Forststraßen verschont – welch Kontrast zu so manchen Tälern der Zentralalpen! Die markierten Wanderwege sind gut beschildert und gepflegt. Wer für die Etappen einfachere Wege wählt, wird die Einladung zum Verweilen und Schauen an sonnigen Herbsttagen freudig annehmen können. Wer die Überschreitung in der Gegenrichtung durchführt, könnte die Hand, die die Augen vor den nachmittäglichen Sonnenstrahlen schützen will, öfter in der Hosentasche ruhen lassen.




Beeindruckende Tour, lieber Karl! Ich wollte schon lange vom Gleinkersee über die Zellerhütte, das Warscheneck und runter zur Hochmölbing gehen (bisher wegen Gewitter immer „nur“ Gleinkersee – Zellerhütte – Warscheneck – Toter Mann – Dümlerhütte – Wurzeralm geschafft). Da bekomm ich gleich wieder Lust.
Superfein geschrieben, ich hab deinen Tourenbericht sehr gern gelesen! Danke!
Liebe Sarah,
mein Bruder ist das „mastermind“ hinter dieser Tour, die uns da gelungen ist. (Er ist da noch von der Tauplitz zur Püringer Hütte gegangen; aber das ist etwas für Schneelage; war eine äußerst zeitraubende Latschenturnerei, hat er erzählt; also: dies bitte NICHT zu wiederholen versuchen).
Lieber Karl,
ein wirklich toll geschriebener Beitrag. Klingt nach einer schönen und anstrengenden Tour. Da bekomm ich auch gleich wieder Lust auf eine Überschreitung!
Liebe Grüße
Birgit