Skitouren-Saisonende
Gemeinsame Tourentermine müssen lange vorher fixiert werden. Die endgültige Entscheidung fällt wetter-, schneelage-, motivationselastisch etc. meist kurz vor der Abreise. So machten sich statt vier nur zwei Bergsteiger mit der Hoffnung auf akzeptable Verhältnisse im Rucksack in der letzten Aprilwoche 2025 mit ÖFFIS auf den Weg zur Jamtalhütte. Die Tourenmöglichkeiten findet man reichlich andernorts. Meine Reportage widmet sich v.a. der An- und Abreise und den Verhältnissen am Berg und in den Hütten; vielleicht ein brauchbarer Puzzlestein, um eigene Entscheidungen treffen zu können.
Steckbrief
| Tag 1: Anreise nach Galtür – Aufstieg zur Jamtalhütte | 10 km, +600 hm |
| Tag 2: Dreiländerspitze, Hintere Jamspitze | 12 km, +/-1.100 hm |
| Tag 3: Gamsspitze – Chalausköpfe – Russkopf | 14 km, +/- 1.250 hm |
| Tag 4: Obere Ochsenscharte – Wiesbadener Hütte | 9 km, +850/-600 hm |
| Tag 5: Piz Buin mit Egghornlücke und Fuorcla dal Cunfin | 15.5 km, +/-1450 hm |
| Tag 6: Bieler Joch – Bieltal – Galtür Wirl/Birkhahnbahn Talstation (od. Tunnelbus>Partenen) | 15.5 km, +300/-1.150 hm |
Gegen 11 Uhr steige ich am Dienstag nach Ostern (22.4.), Skischuhe an den Füßen, mit meinem aus Wien kommenden Bruder in Salzburg in den RJX nach Landeck. Ski und Rucksack mit Pickel sind schnell verstaut. Die etwa zweieinhalbstündige Zugfahrt kann für Planungen und Ideenaustausch sowie Blicke aus dem Fenster etc. entspannt genutzt werden. In Landeck wartet VVT – Bus 260. In familiärer Atmosphäre (der jugendliche Chauffeur unterhält sich die ganze Fahrt mit (s)einer Frau; das offenbar dazugehörige Kleinkind sitzt auf dem vordersten Sitz) geht es in 1 ¼ Stunden durch das sonnige Tal, durch Bergdörfer und das mondäne Ischgl (hier füllt sich der Bus mit Snowboardern und Skiläuferinnen, die ihre Quartiere außerhalb des Hotel-Zentrums bezogen haben) ins Bergsteigerdorf Galtür.

Was ich vergessen haben? Müsliriegel! Die Bäckerei am Dorfplatz hilft mit ihrer „Eigenmarke“ bestens aus.
Nun wird deutlich, warum das Saisonende (Hütte bis Mitte Mai geöffnet, las ich im Internet) mit kommendem Sonntag fixiert ist: Wir machen eine 10 Kilometer Skischuhwanderung, die Latten am Rucksack, bis zur Jamtalhütte. Dabei wählen wir möglichst nicht die Straße, sondern den weniger bequemen dafür abwechslungsreicheren Weg, der uns sogar mehrmals zum Stapfen durch Schneezungen zwingt.

Eine längere Bankerl-Rast, die Vorfreude auf das gastliche Ziel und die herrlichen Krokuswiesen, die mit ihrem Weiß den weggeschmolzenen Schnee imitieren wollen, lassen kein Selbstmitleid ob dieser „Schlepperei“ aufkommen.

Die für 200 Personen ausgelegte Hütte ist nur mehr von vielleicht 25 Skitourenbegeisterten, davon einer größeren Gruppe aus Kanada (!), bevölkert. Entsprechend entspannt ist die Atmosphäre: Die Wirtin geht von Tisch zu Tisch, plaudert mit den Gästen, will sie kennen lernen. Als Lektüre werden täglich andere Bücher und Bildbände zum nachmittäglichen Studium aufgelegt. Das WLAN kommt unserem Kommunikations- und vor allem (wegen der Nicht-Planung) unserem Informationsbedürfnis sehr zugute; Zimmer mit Waschbecken und Steckdose.
Am Mittwochmorgen, nach dem Frühstück (ab 7 Uhr), geht es Richtung Jamtalferner. Von der Hütte muss man zunächst zwischen Steinblöcken und über Almrauschbüsche in den Talboden abfahren. Bei einem Sturz (oder stürze ich deswegen?) bricht meine Bindung. Aus für heute? Wir gehen am gefrorenen Harsch zur Hütte zurück. Mein Bruder soll den schönen Tag nutzen können, ich werde schon sehen, was sich machen lässt.

Gerhard, der Hüttenwirt, fährt ins Tal und nimmt neben vollen Müllsäcken (Anhänger) im Pickup vier (!) weitere Personen und mich mit. Im Sportgeschäft kann ich ein neues Skitourenset erwerben. Gerhard, der seine Sachen längst erledigt hat, überbrückt, ohne ein Wort zu sagen, die Bindungsmontage-Wartezeit in der Bäckerei, nimmt mich wieder mit hinauf – und um 11 Uhr starte ich von der Jamtalhütte Richtung Hintere Jamspitze. Am sonnigen Gipfel warte ich auf meinen Bruder, der von der Dreiländerspitze kommend mein SMS erhalten hat und auch diesen 3000er noch „mitnimmt“.

Die Abfahrt – ein Traum.
Am Abend, nach dem ausgiebigen Halbpension-Essen, machen mein Bruder und ich noch einen Spaziergang Richtung Westliches Gamshorn – Kuhschellen überraschen und beglücken uns; der hüttennahe Klettersteig-Fels wird erforscht. Dann beginnt es zu nieseln…

Donnerstag, 24.4.: 5 bis 10 cm Neuschnee. Dieser Tag gehört zunächst der Gamsspitze. Die Spuren der Vortage sind überwiegend bis zur Unkenntlichkeit zugeschneit/zugeweht. Im dichten, windgepeitschtem Nebel gelingt die „Feinsuche“ nach dem Gipfel nur durch die Hilfe der Satellitenunterstützung. Mit dem Pickel in der Hand stehe wir beim Gipfelkreuz.

200 Höhenmeter tiefer wird die Sicht besser und das Abfahren wandelt sich vom Tasten zum Schwingen. Da es, wie wir dank WLAN recherchiert hatten, eine Runde über die Chalausköpfe und den Chalausferner geben soll, steigen wir nochmal auf. In der Scharte, die den Übergang bildet, ist an Bohrhaken eine Abseilschlinge eingerichtet: es geht wohl 20 Meter, oder sind es 60? (der Nebel lässt es nicht so recht erkennen) fast senkrecht hinunter… Dazu fehlt uns – mindestens – die Ausrüstung…
Über den Russkopf (kleine Hütte und Webcam, https://wetterring.at/webcams/-webcam/russkopf-silvretta-blick) geht es in einer langen Traversierung (immer wieder kleine Gegenanstiege; mittlerweile hat es wieder leicht zu schneien begonnen) mit GPS-Unterstützung zur Hütte zurück.

Das Duschen habe ich selten so genussvoll erlebt wie heute!
Freitag, 25.4.: Mein Bruder, ein Silvretta-Neuling, möchte noch „Top of Vorarlberg“ besteigen, den Piz Buin. Daher ist für heute der Wechsel zur Wiesbadener Hütte angesagt. Dankbarer Abschied von „d`Jam“, von netten Kölner Kollegen und Gerhard – und hinaus in die Waschküche, auf vertrautem Weg zum Jamtalferner und über diesen (hier tasten wir uns erstmals an einer beachtlichen offenen Spalte vorbei) in die Obere Ochsenscharte.

Aus dem Nebel taucht im oberen Gletscherbecken eine große Gruppe auf (vom Himmel gefallen?) die vermutlich (auf abenteuerlichem Weg) von der schweizer Tuoi-Hütte gekommen und auch am Weg zur Wiesbadener ist.
Bald nach der Scharte wird die Sicht besser. Wir sind fast die ersten, die auf den prachtvollen Hängen im frischen Pulver unterschreiben dürfen – abermals ein Traum von einer Abfahrt.
Um die Mittagszeit sind wir auf der Wiesbadener Hütte und machen uns mit den dortigen Gegebenheiten (Skiraum, Trockenraum für Schuhe und für Kleidung etc.) vertraut.
Kaspressknödelsuppe; auch zu Saisonende noch immer freundliche Bedienung, kein WLAN und (fast) kein Netz. Mein Bruder erkundet noch den Weg zur „Grünen Kuppe“; für morgen.
Hier sind gut 50 Personen, der Großteil in organisierten Gruppen, mit von der Partie.
Samstag, 26.4.2025. Schon am Montag (dem Todestag von P. Franziskus), war auf meteoblue dieser Tag mit einer Sonne versehen. Nach zwei feuchten, nebeligen, „vernieselten“ Tagen begrüßt uns (Frühstück 6:30 Uhr) ein wolkenloser Himmel. Die große schweizer Gruppe, die nach ihrem Thermofrühstück schon länger unterwegs ist, hat offenbar einen anderen Zustieg zum Ochsentalferner gewählt. Wir sind die ersten, die zur Grünen Kuppe aufsteigen.

Der Piz Buin und das Silvrettahorn, ganz in weiß gehüllt, erstrahlen in der Morgensonne. Ob solcher Schönheit ergreift es mich; Tränen kullern mir über die Wangen…

Am Gletscher sind dann schon mehrere Gruppen unterwegs. Um einem Stau am Buin zu entkommen, steigen wir, verführt vom makellosen Weiß, zur Egghornlücke auf. Perfekte Hangneigung, perfekter Pulver: Beim Schwingen ist der erdgebundene Mensch für einige Minuten damit versöhnt, kein Vogel (oder Engel) zu sein, ja diesen Wesen sogar eine Freude voraus zu haben…

Die großen Gruppen haben ihr Skidepot in der Buinlücke gemacht (ca. 20 Paare Skier stecken genau dort, wo der – irgendwann – bevorstehende Felssturz von Kleinen Buin Schaden anrichten würde).


Wir gehen mit Skiern bis zu den Gratfelsen hinauf und legen erst dort unsere Steigeisen an (Titelfoto: Im Skidepot)

Inzwischen zieht die mächtige Thermik Nebelfetzen über den Gipfel – mit der herrlichen Fernsicht, wie wir sie von der Egghornlücke bewundern konnten, wird es nichts mehr. Stau: Die geführten Gruppen seilen ihm „Kamin“ ab, unser Kalkül ist nicht ganz aufgegangen.

Schließlich weichen wir in eine Rinne aus – und sind um 12:10 Uhr zwar im Nebel, aber allein am Gipfel.

Der Stoll-Schutz der Steigeisen ermöglicht auch beim Abstieg ein sicheres Gehen. Noch vor den Gruppen fahren wir aus unserem Windkolk am Gratfelsen zur Buinlücke ab. Es hat zwar zugezogen; doch wir können uns noch nicht trennen, steigen zur Fuorcla dal Cunfin und auf die nahe Kuppe auf und schwingen und schwingen und schwingen…
An der steilen Stirn des Ochsentalferners hat sich der Pulver längst verabschiedet: im tiefen Sulz werden wir ganz anders gefordert, während sich aus den Steilbereichen der eine oder andere Schneerutsch löst und die morgendliche Aufstiegsspur verschüttet.
Auf einem sicheren Moränenhügel machen wir Rast, fellen nochmal an und über die Grüne Kuppe geht es zurück zur Hütte. (Unterhalb der Grünen Kuppe gab es, so hatten wir auf der Hütte erfahren, durch Schneerutsche schon tödliche Lawinenunfälle.)
Duschen. Nette Unterhaltung am Tisch, der – dem Wochenende geschuldet – nun dicht besetzt ist.
Sonntag, 27.4.: Abreisetag. Da einige Gruppen (mit Gästen von Belgien bis zum Libanon!) früher (zum Piz Buin) aufbrechen wollten, gab es schon ab 6 Uhr Frühstück.
Wir wurden beim Aufstieg ins Bieltal-Jöchl noch ordentlich im sauberen Harscheisengehen gefordert und beim Abfahren im Bieltal war die Devise: Pflugfahren, um die hilflose Hirschkäfer-Rückenlage zu vermeiden, die sich mit schwerem Rucksack im Bruchharsch bei mir doch (aber nur einmal!) eingestellt hat.

Eine Handvoll Skitouren-Enthusiasten (z.T. mit Hund), offenbar vom Montafon kommend, begegnen uns. Unterhalb der Engardiner Hütte kommen die Ski auf den Rucksack.

(Eine andere Möglichkeit: Schneezungen im bergseitigen Straßengraben bis zuletzt ausnutzen; immer wieder an- und abschnallen). Das Beobachten der erwachenden Natur, von Blumen über fotoscheue Murmeltiere bis zu Fröschen (!), verkürzte uns den 6 Kilometer Skischuhhatscher zur Talstation der Birkhahnbahn.



In Galtür bewundern wir aus dem Bus die Trachtenmusikkapelle: es wird Erstkommunion gefeiert.

In Landeck gibt es, da wir einen Bus (1/2 Stunden Takt!) früher dran sind, einen Besuch im Bahnhofscafé. Freudig überrascht begrüßen wir einen der Kölner Freunde von der Jamtalhütte. Der Schienenersatzverkehr (mir scheint, dass es zu dieser Jahreszeit öfter einen Schienenersatzverkehr gibt, die Arlbergstrecke bedarf wohl immer wieder einer Revision) fährt so ab, dass wir genau fünf Minuten zu späte am Bahnhof Ötztal ankommen, um noch den RJX nach Salzburg/Wien zu erreichen.

Also: fast eine Stunde Wartezeit, die aber, da der Zug von hier abfährt und daher schon viel früher bereitgestellt ist, im Wagon sitzend überbrückt wird. Die Heimfahrt nützen wir zur dankbaren Rückschau, zum Schauen aus dem Fenster, zum Austausch der Fotos (Bluetooth) und zum entspannten Dösen.
Der Vorteil des Saisonendes (ruhigere Zeit) wurde mit einigen Stunden an Skischuhwanderungen „erkauft“. Ob diese Rechnung aufgeht, muss jede/r für sich beurteilen. Vom Silvretta-Stausee gäbe es auch die Option, mit dem Tunnelbus nach Partenen ins Montafon zu gelangen (was uns am Weg in den „Osten“ zwar einen Bequemlichkeits-, aber ob der längeren Fahrzeit über den Arlberg keinen zeitlichen Vorteil verschafft hätte.)
Die Verhältnisse wechseln. Die Qualität der Hütten bleibt; wohl ebenso die – für Planungen äußerst hilfreiche – Qualität der meteoblue-Wettervorhersage:

Ich hatte sie mir vor der Abreise am Dienstagvormittag fotografiert – und sie traf bis Samstagabend präzise zu. Ein strahlender Morgen/Vormittag hat genügt, um Nebelbretter an ihren Platz zu verweisen.



