Zu Weihnachten habe ich den Wanderführer “Hüttentouren Ostalpen” bekommen und mir gleich die erste Tour ausgesucht, den Rätikon Höhenweg. Da die Carschinahütte renoviert wird, plane ich eine Alternative zum “Originalweg” mit 4 Hüttenübernachtungen. Doch dann regnet es diesen Juli mehr denn je, und ich storniere die ersten beiden Übernachtungen. So wird aus einer 5-tägigen Tour eine 3-tägige.
Steckbrief
| Tag 1: Grüsch – Schesaplana Hütte | 14 km, +1250 hm, 5-6 Std. |
| Tag 2: Schesaplana Hütte – Lindauer Hütte | 15 km, +800/-1.000 hm, 5-6 Std. |
| Tag 3: Lindauer Hütte – Golmerbahn | 8 km, +650/-500 hm, 3-4 Std. |

Mit Plan zum Berg – Personalisierte Fahrplanabfrage
Mitgenommen wird nur, was unbedingt notwendig ist. Inklusive Getränke hat der Rucksack 8 kg, das ist gut zu tragen.
Anreise und Etappe 1 von Grüsch auf die Schesaplana Hütte
Nach einer Nacht im Nightjet cabin bringen mich die ÖBB, die Schweizer Bahn und die Rhätische Bahn zu meinem Startpunkt Grüsch in der Schweiz.


Steil bergauf geht es am Burgweg zur Burgruine Solavers, die man derzeit leider wegen Renovierung nicht besichtigen darf. Ich habe Glück mit dem Wetter, denn nach dem vielen Regen blinzelt die Sonne vorsichtig durch die Wolken, während ich durch einen alten Buchenwald nach Seewis raufgehe. Hierher kann man auch mit dem Bus fahren und ca.1 Stunde Gehzeit und 330 Höhenmeter sparen. Weiter geht’s auf dem Prättigauer-Höhenweg.

Auf der Website der Schesaplana Hütte ist der Zustieg von Seewis so beschrieben: auf der Waldstrasse bis Cani, dann auf markiertem Bergweg (ca. 4 Std.) Tatsächlich gehe ich den Wegweisern folgend die meiste Zeit auf der Straße. An sich bin ich kein Fan von Forststraßen, aber sie ist nicht gatschig wie derzeit alle Wanderwege. Highlights am Wegesrand sind ein Wasserfall und ein altes Sägewerk. Nach etwas mehr als einer Stunde überquere ich die aufwändige Cavadürlibrücke, die man mitten im Wald nicht erwarten würde. Die Schrägseilbrücke ist so konstruiert, dass sie auch durch einen Hangrutsch nicht zerstört würde.

Irgendwann komme ich dann doch auf den Wanderweg, den die Bächlein gern als schönes Bett nutzen. Weitere gute zwei Stunden später erblicke ich die Schesaplana Hütte am Horizont.

Mit Hilfe von Steinmännchen durchquere ich einen Gebirgsbach. Nach insgesamt fünf Stunden erreiche ich die Schesaplana Hütte auf 1908 m und genieße erst einmal die traumhafte Aussicht.

Die 1898 erbaute Hütte ist relativ klein, die Schlafplätze und Waschräume in einem Nebengebäude untergebracht. Beim Einchecken gibt es eine feine Überraschung: ich bekomme das Einzelzimmer! Ich verputze zu meiner eigenen Verwunderung alle drei Gänge des köstlichen Abendessen und verziehe mich früh in mein kleines Reich. Zum Glück gibt es die dicke Decke, denn es ist eisig kalt.

Wäre ich nicht so lang auf der Straße sondern auf dem Wanderweg gegangen, hätte sich die Etappe um mehr als 5 km und 250 hm verlängert.
Eine Alternative wäre der Aufstieg von Malbun, das auch von Feldkirch aus mit Öffis erreichbar ist, über die Pfälzer Hütte. Er ist mit 6 h Gehzeit angegeben und soll sehr schön sein.
Etappe 2: Schesaplana Hütte – Lindauer Hütte
Heute ist der Himmel klarer und man sieht viele Berge, die sich gestern in den Wolken versteckt haben.


Kurz vor acht Uhr verlasse ich bei ca. 5 °C die Hütte am Prättigau Höhenweg (oder Rätikon-Höhenweg-Süd), und es fällt mir unheimlich schwer, nicht ständig stehen zu bleiben und das traumhafte Panorama in mich aufzusaugen.

Aber ich muss mich auch auf den Weg konzentrieren, denn der ist sehr gatschig und dadurch rutschig. Die Kuhglocken bummeln und Unmengen an Blumen blühen auf der Alm.
Nach knapp eineinhalb Stunden kommt die Abzweigung zur Gamsluggen, einem schweren Aufstieg (in dieser Gegend sind schwere Touren hellblau gekennzeichnet) Richtung Schesaplanagipfel. Später kommt noch eine weitere Abzweigung. Für mich kommen die nicht in Frage, weil 1) gehe ich allein nicht gern schwere Steige und 2) durch den Umweg über die Schesaplana meine heutige Etappe zu lang wäre.

Von der Hütte gehe ich ca. 5 Kilometer bei traumhafter Bergkulisse recht gemütlich bergauf. Erst die letzten 100 Höhenmeter auf’s Gafalljoch (2.239 Meter) am Grenzübergang nach Österreich sind ein bisschen steiler.


War ich bis hierher allein unterwegs, so kommen mir jetzt viele Menschen vom Lünersee rauf entgegen. Steil und gatschig ist der Gafalljochsteig runter zum See bzw. zu einer Bank etwas oberhalb, die nach mehr als drei Stunden Wanderung förmlich nach Pause ruft. Zeit für ein paar Selfies ist auch noch, bevor es wieder bergauf geht.


Zwischen den Kirchlispitzen rechterhand und dem Rossberg auf der anderen Seite führt der Weg in ca. einer Stunde nun 330 hm hinauf zum Verajoch (2.330 Meter).

Die Pfiffe der Murmeltiere hallen geechot wider von den Felswänden. Die meisten hoppeln emsig davon, aber manche posieren gelassen auf den Almen beidseits des Weges, der jetzt wieder bergab führt zu einer weiten Ebene. Ich passiere das imposante Schweizer Tor und eine alte, aus Steinen erbaute Zollhütte.

Kurz nach der Hütte kommt der letzte Anstieg zum Öfapass (2.291 Meter), den ich nach einer weiteren Stunde vom Verajoch aus erreiche. Die Lindauer Hütte ist hier mit 1 ¼ Stunden angegeben. Vor diesem letzten Abstieg durch das Öfatal gönne ich mir noch eine Pause mit Aussicht.


Nach insgesamt 7,5 Stunden komme ich auf der Lindauer Hütte an. Huch, wo ist die Zeit hingekommen? Bergfex hatte als reine Gehzeit ohne Abstecher zum Lünersee 4,5 Stunden angegeben. Aber das Wetter hat gehalten und ich wollte diesen Tag einfach genießen.
Die Lindauer Hütte ist quasi das Gegenteil der urigen Schesaplana Hütte, auf viele Tagesgäste mit einer riesigen Terrasse und geräumigen Gaststuben, mit neuen Zimmern, Lagern, Wasch- und Trockenräumen auf mehr als doppelt so viele Übernachtungsgäste eingestellt. Mir gefallen beide.
Etappe 3: Lindauer Hütte – Golmerbahn
Heute habe ich die Wahl zwischen dem einfacheren, kürzeren Latschätzer Höhenweg und dem Golmer Höhenweg über die Geißspitze. Da ich bisher gipfellos unterwegs war, entscheide ich mich für die zweite Möglichkeit. Von der Hütte aus ist die grüne Geißspitze zu sehen und mit 1 ¾ Stunden angegeben. Am Weg hinauf blicke ich zurück zur Hütte.


Die Murmeltiere verstecken sich heute anscheinend in ihrem Bau. Dafür treffe ich eine Gämse und ein süßes kleines schwarzes Monster.

In vielen kleinen Serpentinen windet sich der Geißspitzsteig nach oben, erst steinig, später wieder ziemlich gatschig. Nieselregen ist heute mein Begleiter. Nur als ich am Gipfel bin, kommt ganz kurz die Sonne raus und der gesamte Kammweg, der vor mir liegt, ist zu sehen.

In einem großen Halbkreis führt der Höhenweg am Kamm und unterhalb vom Wilden Mann und dem Kreuzjoch, dessen Besteigung ich auslasse, weil es mit der Sicht heute leider nicht weit her ist. Aber die herumziehenden Wolkenfetzen haben ja auch was Mystisches.
Schon von weitem sehe ich die Bergstationen von zwei Liftanlagen, aber die sind noch nicht mein Tagesziel. In ständigem Auf und Ab geht es z.B. über den Latschätzkopf (2.219 Meter). Hier kommen mir nun auch immer wieder Wanderer in bunten Regengewändern auf ihrem Weg zur Lindauer Hütte entgegen.

Bei der Bergstation der Rätikonbahn (im Sommer nicht in Betrieb) verabschiede ich mich von den Murmeltieren, die hier herumwuseln. Etwa ein Kilometer und 200 Höhenmeter weiter komme ich am Grüneck an, wo gerade in einer Riesenbaustelle das Bergrestaurant vergrößert wird. Einerseits bin ich dankbar für den Lift, mit dem ich jetzt ins Tal fahre, andererseits frage ich mich, ob dieses Immergrößer-Immermehr notwendig ist.
Sessellift und 2x Golmerbahn bringen mich nach Vandans. Es gibt ein Kombiticket für die Bergbahn und die Öffis, mit denen man hier anreisen kann. Ich nehme den Bus nach Schruns Bahnhof, und von dort die S-Bahn nach Bludenz. Nur wenige Minuten später sitze ich schon im Railjet nach Wien. Die Fahrt vergeht schnell mit Dösen, Tourenbericht schreiben und mit den Erinnerungen an die traumhafte Aussicht, die ich in diesen drei Tagen genossen habe. Vor allem von der Schesaplanahütte zur Lindauer Hütte ändert sich das Panorama ständig wie im Bilderbuch. Ich hoffe, dass ich einmal die ganze Runde inklusive Carschinahütte und Schesaplana Gipfel gehen kann.





